Archiv der Kategorie: Indien

Wo jedes Shirt beginnt.

IMG_6055Der Weg zurück zum Ursprung unserer Lieferkette brachte mich die letzten Tage nach Titilagarh in den östlichen Bundesstaat Orissa. Hier produziert die Pratima Organic Grower Group die Fairtrade zertifizierte Biobaumwolle für die Shirts von 3FREUNDE.

Orissa ist ein landwirtschaftlich geprägter Bundesstaat in dem der wirtschaftliche Erfolg sehr vom Monsunregen abhängt. Baumwolle ist für die Bauern oftmals die einzige Geldeinnahmequelle, eine Cash Crop. Wenn der Monsum zu spät kommt, so ist das Wachstum der Baumwolle gefährdet und es bleibt nur der geringe Ertrag aus den Gemüsesorten die später angebaut werden. Dank dem Einsatz von Biobaumwolle ist wenigstens das möglich und eine klassische Fruchtfolge machbar. Auf Feldern mit Baumwolle im konventionellen Anbau wächst durch den Einsatz von Pestiziden nichts als Baumwolle.

Meine Reise startet mitten in der Nacht in Raipur, der nächst größeren Stadt, und führt mich nach 5 Stunden Autofahrt in ein kleines Dorf. Fast alle hier bauen Baumwolle an. Es gibt zwei Anbaugruppen in denen sich die Farmer gegenseitig unterstützen. Die eine besteht aus Frauen das Dorfes, die Andere aus Männern.

Wie Stefan im Bericht seiner Reise vom vergangenen Oktober schon beschrieben hat, sind es vor allem die Frauen die sich trauen zu sagen was sie benötigen. Sie brauchen dabei Unterstützung, dass sie nicht nur vom Regen abhängig sind. Wasser ist hier alles. Alles Gute und alles Schlechte. Im letzten Jahr fiel der Monsun spät, was einen geringeren Ertrag auf den Feldern zur Folge hatte.

IMG_5964Um die Baumwollbauern mit diesem Risiko nicht alleine zu lassen garantiert das Entkörnungsunternehmen Pratima Agro & Paper Pvt Ltd den Bauern die Abnahme der Baumwolle. Mein Begleiter Pati, der dort für die Betreuung der Kooperativen zuständig ist, sagt, dies sei ein wichtiger Schritt die Bauern darin zu bestärken, dass sie mit Fairtrade Biobaumwolle auf dem richtigen Weg sind. Nach ein paar Ernteausfällen kämen diese sonst auf die Idee, dass es vielleicht mit herkömmlicher Baumwolle und robustem Saatgut besser funktionieren könnte. Das kann kurzfristig der Fall sein, aber nach ein paar Jahren ist der Boden ausgelaugt und der Baumwollanbau nicht mehr möglich. Dann muss teurer Kunstdünger die Fruchtbarkeit wieder herstellen. „Es ist ein Weg in die Abhängigkeit und ins verderben“, wie Pati drastisch beschreibt.

Insgesamt wird an die Gemeinschaften der über 3500 Baumwollbäuerinnen und Baumwollbauern pro Jahr eine Fairtrade Prämie von fast 80.000 € ausbezahlt, dafür liefern sie aber auch 4400 Tonnen Baumwolle ins Fairtrade System. Die Anbaufläche dafür sind 45 km2, zum Vergleich: Die Stadt Konstanz hat eine Fläche von 55 km2. „Die Fairtrade Prämie fördert die wichtigste Ressource in dieser Region: den Zusammenhalt der Menschen.“ erklärt Pati. Zeichen dieser Prämien sind Versammlungs- und Lagergebäude, kleine Nähwerkstätten und zum Teil Gesundheitsstationen.

IMG_6075Die Bewohner des zweiten Dorfes das ich an diesem Tage besuche sind sehr stolz auf meinen Besuch. Sie sehen es als Anerkennung ihrer Arbeit, das sich Menschen vom anderen Ende der Welt für ihre Situation interessieren. Ich erzähle Ihnen, dass wir versuchen den Menschen in Europa klar zu machen, dass ihre Konsumentscheidungen Folgen haben. In diesem Fall positive Folgen für die Bauern in Jhikidunguri, dem Dorf in dem ich mich befinde.

Das erinnert mich an den Grund meines Besuchs und des Wirtschaftens von 3FREUNDE: Die globale Dimension der Textilindustrie aufzuzeigen und auf Augenhöhe durch Handel die Welt zum Positiven verändern. Ich erkläre ihnen, dass es ohne ihre Arbeit meine Arbeit nicht gäbe.

Es ist ein kleiner Schritt für dich ein T-Shirt aus Fairtrade zertifizierter Biobaumwolle zu kaufen, aber es kann die Welt für einen Baumwollbauern bedeuten.

Es ist schon unglaublich zu sehen, welchen Unterschied der Kauf eines T-Shirts aus zertifizierter Fairtrade-Biobaumwolle machen kann. Und wie sehr es mich doch wieder überrascht, wie viele Menschen in den Entstehungsprozess eines T-Shirts eingebunden sind.

Wir machen den Unterschied: für die Bauern, die Färber und Näher und vor allem auch die Umwelt.  Das macht mich stolz.

Kann ich das Shirt auch in einer anderen Farbe haben?

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Als ich vor über zwei Jahren bei 3FREUNDE zu arbeiten anfing, hatte ich vom Färbeprozess folgende Vorstellung: Männer stampfen in Färbebrühe und Stoff. Dabei war meine Hoffnung, dass bei der Färberei die für 3FREUNDE arbeitet die Leute wenigstens Gummistiefel tragen. So wenig Ahnung hatte ich von alldem.

Dieses Bild war und ist natürlich gänzlich falsch, denn gerade im Fairtrade-Bio-Bereich sind die Färbeprozesse schon sehr lange industrialisiert. Ich sah Bilder aus der Färberei. Riesige Waschmaschinen die Kiloweisestoff stundenlang hin und her walken bis dieser die richtige Farbe bekommen hat. Aber auch das entspricht in seiner Einfachheit nicht der Realität, wie ich jetzt bei einem Besuch beim Färbedepartment Colorsburg von Shakthi Knitting in Tiruppur feststellen durfte. Hier werden auch die Stoffe für 3FREUNDE gefärbt.

Das Erdgeschoss der riesigen Halle wird dominiert von Stoffballen. Diese werden in der Reihenfolge des Eingangs bearbeitet. Zuerst werden die 20kg schweren Stoffballen so lange zusammengeführt, bis sie das Färbegewicht erreicht haben. Für die kleinste Maschine sind dies 180kg. In die größte Maschine passt etwa eine Tonne Stoff.

Bevor jedoch der eigentliche Färbeprozess beginnt muss die richtige Farbe gefunden und gemischt werden. Meist schreibt der Auftraggeber eine Farbe aus dem Pantone-Farbsystem vor. Um diesen zu spezifizieren werden im Labor sogenannte Lab Dips angefertigt. Farbmuster die dann als physische Abnahmemuster dienen. Dies geschieht in einer Maschine die dazu bis auf 0,05 ml genau Chemikalien mischen kann. Ist die richtige Rezeptur gefunden und der Kunde zufrieden beginnt der Färbemeister mit der Mischung der Farbe und dem Färben des Stoffes. Hierbei werden nur Farb- und Zusatzstoffe verwendet die nach dem Global Organic Textile Standard (GOTS) zugelassen sind.

Dieser Prozess dauert 6 Stunden, die Maschinen laufen 24 Stunden an 6 Tagen die Woche. Dafür werden große Mengen Wasser gebraucht die später ordentlich entsorgt werden müssen. Im indischen Bundesstaat Tamil Nadu gilt eine „Zero Liquid Discharge“-Regelung, kein Tropfen Wasser darf die Anlage verlassen. Dazu später mehr.

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Nach dem Färben wird der Stoff getrocknet und geglättet, zuvor muss aber festgestellt werden, ob der Stoff die richtige Farbe angenommen hat. Der Farbtest im dafür vorgesehen Labor statt. Einzelnen Streifen werden unter kontrollierten Lichtbedingungen überprüft. Verschieden Waschmaschinen und andere Gerätschaften simulieren Wasch- und Tragebedingungen. Erst wenn diese Werte passen wird der Stoff für die Kunden verpackt und ausgeliefert.

Nun also zum Wasser. Direkt neben der Färbeeinheit befindet sich ein erst 12 Jahre altes Klärwerk. Getrennt nach dem Verschmutzungsgrad wird hier das Wasser von 7 Unternehmen eingeleitet. Ein biologisches Reinigungsverfahren reinigt das Färbewasser vor ehe es in die chemische Reinigung gelangt.

Die Anlage wirkt auf mich als Klärwasserleihe sehr imposant. In diversen Becken werden mit Zugabe von Enzymen und Chemikalien Reinheitsgrade erreicht, die den Werksleiter dazu veranlassten vor meinen Augen einen Schluck des Wasseroutputs zu trinken. Soweit wollte ich dann doch nicht gehen, aber theoretisch ist es möglich.

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Die größte Problematik ist jedoch der Salzgehalt des Wassers. Um den Färbeprozess erst möglich zu machen und zu beschleunigen wird dem Wasser vor dem Färben Salz zugesetzt. Dieses muss ihm später wieder entzogen werden. Dazu gibt es eine große Entsalzungsanlage. In der Trockenzeit und bei geringer Auslastung geschieht dies in großen Verdunstungsbecken, ansonsten auch in einem Verdampufungskessel der mit Holz befeuert wird.

Hier ist das größte Verbesserungspotenzial, sagte auch der Betriebsleiter von Shakthi Knitting beim anschließenden Gespräch. Er präsentierte die Möglichkeit des salzlosen Färbens. Dabei entstehen zwar im Färbeprozess zusätzliche Kosten, diese werden aber  durch den geringeren Aufwand bei der Abwasseraufbereitung beinahe wieder eingespart. Es bleiben Mehrkosten von etwa 10ct pro fertigem Shirt. Wir beschlossen über ein solches Projekt im Gespräch zu bleiben.

Insgesamt war ich wirklich beeindruckt vom technischen Aufwand des Färbeprozesses und der Abwasserreinigung. Dies hat nichts mit den Bildern zu tun die ich ursprünglich dazu im Kopf hatte. Nun gilt es zu schauen, welche Verbesserungspotenziale genutzt werden können und wie diese finanzierbar sind. Ich jedenfalls werde ab jetzt immer die Anlage und die Menschen die dort arbeiten im Kopf haben, wenn ich ein farbiges T-Shirt anziehe.

Hier noch mehr Bilder in der Facebook Bildergalerie: http://on.fb.me/1g2jTLK

T-Shirt City – Fluch und Segen der Textilindustrie

IMG_2660Als Girish mich vom Flughafen abholt, fahren wir 40 Minuten von Coimbatore nach Tirupur auf einem Highway. An der Stadtgrenze, die keine ist, beginnen die Häuser größer zu werden. „Alles Textilfabriken“, sagt Girish. „Diese hier auch, und diese hier“, zeigt er auf vorbeiziehende Häuser. „Für solch große Fabriken wird es aber bald zu teuer sein hier. Für Massenproduktionen steigen die Löhne zu schnell.“

Alles in Tirupur hängt an den Textilien. Wer nicht mit Textilien sein Geld verdient, verdient sein Geld mit dem Menschen die mit Textilien ihr Geld verdienen. In dem er ihnen Häuser vermietet, Essen zubereitet oder deren Motoroller wartet.

Das ist Fluch und Segen zugleich. Vor 40 Jahren gab es hier vor allem Landwirtschaft. Dann fiel über Jahre kein Regen und es musste eine andere Beschäftigung her. Mit der Textilproduktion kam Arbeit zurück nach Tamil Nadu. Aber auch negative Extreme wurden sichtbar: Bunt gefärbtes Wasser in den Flüssen, überforderte Infrastruktur und  teilweise schlechte Bezahlung der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Das Problem der Färbemittelabwässer hätte die Politik lösen müssen, tatsächlich haben es Richter getan: 2011 mussten alle Färbereien ohne angeschlossene Kläranlage schließen. Das Problem wurde aber nur verlagert: in angrenzenden Distrikten öffneten neue Färbereien bis sich die Politik zum Aufbau bzw. Unterstützung beim Bau von Kläranlagen durchrang. So hilft also Indien mit, das billige T-Shirts weniger Umweltschäden anrichten.

Loehne Tirupur

Die teilweise sehr niedrigen Löhne sind gestiegen, allein auf Grund der größeren Nachfrage nach Arbeitskräften. Näherinnen und Näher haben inzwischen eine sehr gute Verhandlungsposition und entscheiden welche Arbeit sie annehmen. So finden sich auch Arbeiter aus ganz Indien, vor allem aber aus den ärmeren, landwirtschaftlich geprägten Bundesstaaten in Tirupur.

Während der Mindestlohn in Tamil Nadu 140 INR (nach aktuellem Wechselkurs: 2,20 €) je 8-Stunden-Schicht beträgt sind in Tirupur viele Stellen für 250 IRN je 8-Stunden-Schicht ausgeschrieben. Bei Mila bezahlen wir 380 INR (also über das doppelte des gesetzlichen Mindestlohns). Das ergibt ca. 9500 INR (etwa 150 €) pro Monat und trifft damit den berechneten Asian Floor Wage für die Region.

Generell glaubt Girish daran, dass sich die Löhne in Tirupur so schnell nach oben schrauben, dass es in 5 Jahren nicht mehr möglich ist hier billige Massenproduktionen herzustellen. Schon heute wird das Gros der Billigware in Bangladesh produziert- wo auch große indische Firmen ihre Nähereien hin verlagerten. Viele Hersteller werden verschwinden oder sich Nischen suchen müssen.

IMG_5577„Unsere Näherei“ hat eine solche Nische gefunden: Fairtrade-Biobaumwolle in guter Qualität, hergestellt von Menschen die das bekommen was sie verdienen: Gutes Geld für gute Arbeit. Und wir haben Kunden die Wissen, warum sie bei uns gerne etwas mehr bezahlen.

Jetzt heisst es: diese Nische weiter zu vergrößern um mehr Menschen faire Löhne bezahlen zu können und noch mehr Baumwolle zu fairen Preisen von hart arbeitenden Bauern kaufen zu können.

Orissa. Staat des weißen Goldes. Pratima. Organisator der Fairtrade-Bauern.

Meine letzte Station in Indien war der Bundesstaat Orissa (oder auch Orisha geschrieben). Es hat mich fast zwei Tage gekostet um im Zentrum des Bundesstaates anzukommen. So abgelegen der Staat ist, so arm ist er auch. Und ja, das ist genau der Staat, der gerade von einem Zyklopen hart getroffen wurde.

Orissa also. Arm. Aber auch reich. Reich an Menschen.

Eine Vielzahl der Bewohner verlässt den Staat um Arbeit in anderen Bundesstaaten Indien zu finden. Zurück kommen sie allerhöchstens zur Erntezeit der Baumwolle. Diese beginnt im November und endet im April.Fünf Monate Arbeit also. Maximal. Wer zurückbleibt sind die Bauern.  Bei Pratima sind ca. 2000 Bauern organisiert. Diese bewirtschaften im Schnitt 1,5ha Land und ernähren damit direkt jeweils vier bis sechs Menschen.

Baumwolle ist ein sogenanntes Cash-Crop, eine Pflanze, die Geld bringt und nicht der direkten Ernährung dient.  Von den 1,5ha werden ca. die Hälfte der Fläche mit Lebensmitteln, in tiefer gelegenen Feldern vor allem Reis, bewirtschaftet. Die andere Hälfte wird in Fruchtfolge mit Baumwolle angebaut. Durch den Einsatz von Biobaumwolle hat der Bauer die Möglichkeit außer Baumwolle auch sogenannte Insurance-Crop anzubauen: in den Baumwollfeldern stehen nicht nur Baumwollpflanzen, sondern auch andere Geldbringer. So ist sichergestellt, dass im Falle eines Ertragsausfalls bei Baumwolle durch andere Pflanzen noch Geld erwirtschaftet werden kann.

Baumwolle also. Das Interessante an Orissa ist, dass der Staat (trotz viefältiger, bekannt gewordener, Bestechungen) den Einsatz von genmodifizierter Baumwolle verboten hat. Entgegen der Aussage von Michael von Shatki Knitting ist so also die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Biobaumwolle frei von GMO-Cotton ist. Der Hintergrund des Verbots ist einfach: für GMO-Cotton wird sehr viel Wasser und somit eine künstliche Bewässerung benötigt. Ganz Orissa ist aber auf Regenwasser eingestellt. Eine Umstellung hätte fatale Konsequenzen für den Grundwasserspiegel und die Erhaltung der Fruchtbarkeit der Böden.

Fairtrade. 2000 Bauern. Und die Frauen?

Pravakar erläutert, dass mangelnde Bildung ein großes Problem für die Entwicklung des ländlichen Raums darstellt. Nachdem Pratima festgestellt hat, dass in den meisten Familien die Frauen mehr Zeit auf den Feldern verbrachten als die Männer, setzen sie verstärkt auf die Frauen. Denn diese haben einen höheren Identifikationsgrad bzgl. Fairtrade, verstehen das Konzept von Biobaumwolle besser und sind insgesamt verlässlicher und verbindlicher.  Ich konnte bei meinem Besuch in zwei Dörfern diese Erfahrung machen: die Frauen stehen auf uns haben keine Scheu Forderungen zu stellen und für ihre Positionen aufzustehen. Versammlungsräume, höhere Baumwollpreise und bessere Lehrer stehen auf ihrer Agenda. Ein von mir besuchtes Dorf unter weiblicher Leitung hat sogar einen Fond eingerichtet in den Teile der Baumwolleinnahmen fließen um so Projekte von Einzelnen zu finanzieren. So entstand bspw. als zusätzliche Einnahmequelle eine Bananenplantage.

Es sind mutige Frauen, die sich dort einsetzen und Pravakar sagt, dass er sich mehr von ihnen wünschen würde, dass aber manche Dörfer noch komplett von Männern dominiert werden. Aber der Wandel zeichnet sich ab, sind die Bäuerinnen doch die erfolgreicheren. Der Vorteil von zertifizierter Fairtrade-Biobaumwolle für die Bauern vor Ort ist ja, dass diese einen Mindestpreis für die Baumwolle bekommen und so ein garantiertes Auskommen haben. Ist der Marktpreis höher als der Mindestpreis bekommen sie natürlich den höheren Preis ausgezahlt.  Zusätzlich bekommt die Gemeinschaft pro Kilogramm Rohbaumwolle 0,05€ als Fairtrade-Prämie. Mit dieser Prämie können Gemschaftsprojekte finanziert werden, welche von der Dorfgemeinschaft gemeinsam festgelegt werden müssen. In einem regenreichen Staat wie Orissa steht oft der Wunsch nach Gemeinschaftsräumen an oberster Stelle. Bei guten Erträgen und einem entsprechend guten Abverkauf der Baumwolle dauert es gut drei Jahre um über die Prämie eine einfache Unterkunft bauen zu können. Beim Bau wird dann darauf geachtet, dass die verwendeten Baumaterialien ebenfalls aus der Region kommen um das Geld möglichst in der Region zu behalten und so den Wohlstand zu mehren.

Während viele Näher ein eigenes Motorrad haben, ist dies bei den Bauern nicht denkbar. Sie erlösen im Schnitt 60000Rs (720€ zur Zeit) von der Baumwolle und können von den zusätzlich angebauten Lebensmitteln ihr Grundauskommen sichern. Große Budgetposten sind die medizinische Versorgung, die Vorbereitung der Äcker und sog. soziale Kosten: zahlreiche Hochzeiten, religiöse Feste etc. fordern hohe Beträge.

Pratima, Pravakar und die Bauern zeigen sich insgesamt glücklich mit dem System „Fairtrade“ und wünschen sich natürlich, möglichst viel Baumwolle als solche verkaufen zu können. Nur so ist eine nachhaltige und stabile Entwicklung der Region möglich. Und von den Fairtrade-Prämien profitieren auch die Dorfbewohner, die nicht Teil des Fairtrade-Systems sind.

Ich verlasse Dörfer mit viel positiver Energie. Und mit neuen Ideen. Wieso nicht T-Shirt-Editionen auflegen, die die Bauern schneller zu ihren Gemeinschaftshäusern kommen lässt? Was hältst Du davon?

Mila. Indien. Und der Rest. Ein Überblick.

Derzeit besucht Stefan unsere Näherei in Indien und verschiedene unserer Zulieferer. Heute gibt es einen kleinen Überblick über die Erlebnisse der ersten Woche. Über die nächsten Wochen gibt es tiefergehende Infos zu den jeweiligen Aspekten.

In der ersten Woche besuchte ich unsere Partner in der Region Tirupur. Hier, in Velampalayam, ist auch „unsere“ Näherei, die Mila Fair Trade Clothing Company Pvt. Ltd. beheimatet.
Mittlerweile stehen dort 22 Nähmaschinen und auch das Lager mit bevorrateten Stoffen wächst beständig.
Da wir aber (gefühlt) immer noch am Anfang stehen, können wir permanent nur 7 Menschen auslasten und fest anstellen. Dies gibt einerseits ein gutes Gefühl, andererseits würden wir uns natürlich eine höhere Auslastung wünschen. Dies wiederum würde voraussetzen, dass mehr Menschen Produkte aus Fairtrade-zertifizierter Biobaumwolle kaufen.

Girish ist unser Mann vor Ort. Seit seiner Zeit als unser Einkäufer (3friends India) ist er unser Gesicht und unsere Stimme in Indien. Entsprechend wichtig ist hier der persönliche Austausch. Neben Gesprächen über die alltäglichen Probleme und Herausforderungen standen für Girish und mich die Abfallreduktion auf der Tagesordnung:
beim Zuschnitt des Stoffes fallen immer Stoffreste an, für deren weitere Verwendung wir sinnvolle Produktideen überlegten. Normalerweise gehen all diese Stoffreste an Recyclingbetriebe, die für ein KG Stoffrest ca. 12ct bezahlen. Sehr wenig für solch einen guten Stoff und nicht nachhaltig genug. Aus größeren Teilen kann man Kleinstkindershirts etc. fertigen, aber bei Stoffgrößen im DINA4-Format wird das schwieriger. Nun, wir arbeiten daran- seid gespannt!

Gemeinsam mit Girish besuchte ich auch Michael, den Marketing-Direktor von Shakthi-Knitting. Diese Firma ist in unserem Prozess für das Stricken des Stoffes und dem anschliessenden Färben verantwortlich.

Auf solchen Maschinen wird der Stoff für die Shirts von 3FREUNDE gestrickt

Michael berichtete u.a. das es heutzutage praktisch unmöglich sei, „reine“ Biobaumwolle zu finden, denn die genmodifizierten Baumwollpflanzen sind mittlerweile auf so vielen Feldern zu finden, dass eine Kontamination der Biobaumwolle durch Pollenflug etc. kaum zu vermeiden ist. Er berichtet aber auch, dass in Indien NGOs verstärkt auf diese Gefahren (v.a. auch im Bereich der Lebensmittel) hinweisen und es Bestrebungen gibt, die genmodifizierten Pflanzen zurückzudrängen. Diese Bestrebungen werden aber nicht von der Regierung unterstützt, somit scheinen mir positive Effekte zweifelhaft.
Angesprochen auf sogenannte Cotton Blends (Baumwollmischungen von Biobaumwolle und konventioneller Baumwolle) schmunzelte er und meinte, dass das für die Anbieter solcher Produkte ideal ist. Zum Einen verstehen die wenigsten, was mit „Blend“ gemeint ist und zum Anderen kann niemand anklagen, dass „konventionelle“ Baumwolle (bzw. Rückstände aus deren Produktion) im Produkt gefunden wird. Obendrein sind sie bedeutend günstiger und schmücken sich dennoch mit „organic“.

Nächste Station war die Färberei von Shatki Knitting.
Die Färberei wird von Jayakumar geleitet. Sein Assistent nahm sich die Zeit uns durch die Anlage zu führen. Die Färberei setzt ausschliesslich GOTS-zertifizierte Farbstoffe ein, auch wenn große Teile der Stoffe aus konventioneller Baumwolle stammen. Dies ist eine strategische Entscheidung – man möchte einfach „saubere“ Produkte anbieten und hoffe, dass Kunden und Konsumenten dies honorieren. Da sich die wenigsten Menschen aber Gedanken über diesen Teil des Produktionsprozesses machen, kämpft man immer noch gegen Konkurrenz, die Abwässer ungeklärt in Flüsse einleiten.

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Die Färberei verbraucht pro Tag gut 400.000 Liter Wasser. Davon sind 70% Waschwasser und 30% das deutlich problematischere Färbewasser.
Ca 90-95% der Abwässer wird wieder dem Färbeprozess zugeführt.
Die in der Kläranlage anfallenden Feststoffe gehen teilweise an Zementwerke.
Es ist klar, dass eine solch aufwändige Reinigung natürlich mit Kosten verursacht sind, die andere Firmen vermeiden.
Die Kläranlage wurde in der Erwartung gebaut, dass ökologische Kriterien stärker in den

Fokus von Kunden und Konsumenten geraten und so ein Wettbewerbsvorteil entsteht. Diese Erwartung hat sich bis heute nicht erfüllt.

Besucht habe ich, gemeinsam mit Girish, auch noch unseren Druckpartner, Stylus Printers. Krishna Kumar, der Inhaber zeigte uns seine aktuellen Projekte. Unser letzter Auftrag wurde nur einen Tag vor meiner Ankunft gedruckt, so dass ich hier keine Bilder mit „unseren“ Drucken machen konnte.
Stylus Printers druckt sowohl von Hand wie auch mit „normalen“ Karusell-Druckmaschinen. Die verwendeten Druckfarben sind allesamt GOTS-zertifiziert. Die Spezialisierung führt viele Kunden der Bio-Fairtrade-Szene zu ihm, so bspw. bei meiner Anwesenheit Stella McCarthy.
Mittlerweile kommt Stylus immer öfter an seine Kapazitätsgrenzen. Allerdings scheut er auch die Investition in weitere Anlagen. Er meint, dass auch in der Bio-Szene die Kunden nicht auf verlässliche Partnerschaften setzten, sondern schnell in andere Regionen abwandern.
Um so wichtiger ist, dass Kunden nachfragen, wo ihre Produkte herkommen und nachfragen, wieso es hier womöglich öfters Wechsel bei den Lieferanten gibt. Denn ohne verbindliche, langfristige Lieferbeziehungen wird es keine Weiterentwicklung geben.

Und nun geht es weiter nach Odhisa, einem der ärmsten Landstriche Indiens. Hier wollen wir mit unserem Einkauf von Baumwolle ein Zeichen setzen. Über den Besuch freut sich die Kooperative und der Vorsteher meinte, dass es den Bauern auch immer einen Schub gäbe wenn mal jemand vorbei schaut. Kein Wunder, dauert die Anreise fast zwei Tage…

Atom- und Dieselstrom im Bio-T-Shirt?

Maschine zur Fertigung von Single-Jersey-Baumwoll-Stoff

Vor einigen Wochen war es auch bei uns zu lesen: in Indien waren Teile der Bevölkerung ohne Strom. Solche großen Stromausfälle schaffen es in die internationale Presse, von den alltäglichen Problemen erfährt man aber nichts. So sind über die letzten 10 Monate tägliche Stromabschaltungen von bis zu 15 Stunden im Süden Indiens zur Normalität geworden.

Die Konsequenz daraus sind Arbeitsunterbrechungen bzw. der intensive Einsatz von Dieselgeneratoren für die Stromerzeugung. Denn auch die Produktion von Textilien braucht Strom. Viel Strom.

Jedoch naht Abhilfe: zwei neue Atomkraftwerke sollen bis nächstes Jahr ihren Betrieb aufnehmen (hier darf jetzt leichtes Frösteln einsetzen). Für die Bewohner Süd- und Mittelindiens ist dies eine gute Nachricht: endlich verlässlicheren Strom, endlich wieder Arbeit. Für die Bewohner in nächster Nähe des Atomkraftwerks, für viele NGOs und vermutlich auch für viele Leser dieses Blogs ist es aber eine schlechte Nachricht: passiert hier die nächste große Katastrophe? Wohin mit dem zusätzlichen Atommüll?

Hier beginnt dann das Dilemma von Informationen, die man besser nicht hätte: soll man es nun gut finden, wenn endlich die Dieselgeneratoren abgestellt sind, die Erzeugerkosten durch Atomstrom sinken und wieder Arbeit und Einkommen nach Südindien zurückkehren können? Oder sollte man besorgt sein und sich von Indien abwenden, weil es nun auch Atomkraft verwendet, die zwangsläufig auch für die Produktion von bio-fairen T-Shirts verwendet wird? Wie soll man sich positionieren?

Komplexe Fragestellungen rufen oftmals einfache Antworten hervor: Windkraftanlagen aufbauen (super fürs Marketing, aber unrealistisch für die gesamte Produktionskette), oder zurück nach Europa oder gar Deutschland- schließlich können wir dort regenerative Energie für die Näherei buchen. Das stimmt. Aber leider wird die weitaus meiste Energie nicht beim Nähen, sondern beim Spinnen der Baumwolle verbraucht (und den nachfolgenden Prozessen Stricken/Weben des Stoffs sowie Färben). Und diese industriellen Prozesse kann man eben nicht beeinflussen. Zumindest nicht, wenn man zu klein ist um eine eigene Spinnerei etc. auslasten zu können. Wie also weitermachen?

Für mich zeigt das Thema Strom sehr gut, dass in einem so komplexen Bereich wie der Textilproduktion nicht alles nach ökologischen Gesichtspunkten zu optimieren ist. In manchen Bereichen gelingt dies sehr gut. Ein Beispiel ist hier der konsequente Einsatz von Biobaumwolle (und dem nachfolgenden Färben und drucken mit GOTS-zertifizierten Farbstoffen). In Fragen der Energieversorgung oder auch des Transports bestehen hingegen Abhängigkeiten von regionalen Infrastrukturen auf die kleine und selbst größere Produzenten keinen Einfluss haben. Bei 3Freunde hinterfragen wir dennoch regelmäßig jeden Prozess-Schritt, ob Verbesserungen nicht doch möglich sind und wie man diese bestenfalls erreicht. In Indien lassen ja sehr viele Marken mit ökologischem Hintergrund ihre Ware produzieren. Eventuell gäbe es da ja Möglichkeiten über eine Zusammenarbeit und über die Bündelung der Aufträge hin zu einem Anbieter eine ökologischere, dezentrale Stromversorgung aufzubauen bzw. zu co-finanzieren. Eine Idee, an der man weiter arbeiten sollte.

Links zum Thema:

Atomkraft – Diskussionen in Tamil Nadu

Ausnahmegenehmigungen um Stromausfällen zu begegnen

Proteste gegen Stromausfälle

Dieser Artikel wurde erstmals im Blog Grüne Mode am 28.09.2012 auf www.kirstenbrodde.de veröffentlicht.

Die Zukunft der Baumwolle

Für viele Menschen gibt es einen Zusammenhang zwischen Strom und Bekleidung. Zumindest im Wissen über deren Herkunft. Strom kommt aus der Steckdose und Bekleidung aus dem Klamottenladen. Was davor geschieht und wie komplex sowohl Stromproduktion, als auch Bekleidungsherstellung ist, bleib für die meisten im Dunkeln.

Doch bei beidem ändert sich derzeit etwas. Die Menschen sind mehr und mehr an der Herkunft der Dinge interessiert. Die Zeit ist reif den Menschen mehr Informationen zu bieten. Jedoch ist das Zeitbudget der Menschen weiterhin beschränkt und die Informationen müssen schnell auf den Punkt gebracht werden.

Was ist gut? Was ist schlecht? Was soll und kann ich tun? Was kostet es? Weiterlesen

Indien. Textilien. Produktion. Living Wage. Fair Trade.

Auf der Suche nach einem möglichen Produktionsraum. Mit Notausgang!Ich muss ein wenig ausholen. Seit gut sechs Jahren produzieren wir T-Shirts und andere Oberbekleidung. In dieser Zeit haben wir einige Lernprozesse durchgemacht und verarbeiten seit 2010 ausschliesslich zertifizierte Fairtrade-Biobaumwolle für unsere 3FREUNDE-Produkte.

In all der Zeit kamen wir mit vielen anderen Labels, Designern, Verbänden und NGO ins Gespräch – und bei vielen zeigte sich der Wunsch auf eine sichere, vertrauenswürdige und funktionierende Wertstoffkette zurückgreifen zu können. Fairtrade sollte nicht bei den Nähereien aufhören (oder erst beginnen), sondern alle großen Stationen der Wertschöpfung umfassen.

Leider können aber kleine Labels (wie wir es auch noch immer sind), keine riesigen Stückzahlen pro Order abnehmen und so stossen wir, aber eben auch viele andere, immer wieder auf taube Ohren, wenn wir eine hohe Qualität in Verbindung mit geringer Stückzahl forderten.

Parallel zu unserer Umstellung auf Fairtrade-Biobaumwolle suchten wir deshalb einen kleinen Partner, der mit uns die Vision teilt, dass aus kleinen Orders und Labels einmal große Orders werden können- und dass man mit kleinen Stückzahlen durchaus auch (relativ kleines) Geld verdienen kann.

Nun, die Suche war bis Ende 2011 nicht erfolgreich.

Dies bewog uns, stärker in das Thema einzusteigen und einfach eine solche Firma (mit) zu gründen. Einfach so. Mit einem klaren Konzept, einer offenen Kommunikation und transparenten Entlohnungsmodellen.

Mittlerweile sind die Vorbereitungen weit gediehen. Wir werden eine Anschubfinanzierung leisten, ein neues Vertriebskonzept auf die Beine stellen und darüber hinaus unsere Ideen zum Fairen Handel einbringen (living wage vs. gesetzlicher Mindestlohn). Und natürlich stellen wir sicher, dass die Näherei GOTS (Global organic textile standard) und Fairtrade-zertifiziert wird.

Die operative Führung obliegt unseren indischen Partnern, schliesslich sind wir nicht die ganze Zeit vor Ort – und benötigen die Kapazität der Näherei auch nicht komplett.

Wer also mit dem Gedanken spielt, seine Kollektion auf Fairtrade-Biobaumwolle umzustellen, neu anzufangen oder einfach was Besonderes für seine Firma, seinen Verband oder Freundeskreis braucht, ist herzlich eingeladen sich bei uns zu melden!

Wir regeln alles weitere.

Stefan

Schließung vieler Färbereien in Indien, die ihre Abwässer nicht klären

Von unserem Mann in Tirupur (Die „T-Shirt-Hauptstadt“ in Südindien), der für uns die Produktqualität nach unseren Kriterien prüft und vor Ort die Kontakte pflegt, kommt eine für uns gute Nachricht: der High Court hat die Schliessung hunderter Färbereien verfügt. Grund ist die Nichtbeachtung von Gewässerschutzrichtlinien, die bereits 1996 festgelegt wurden. Selbst nach Abschaltung des Stroms wird in einigen Färbereien nachts mit Generatoren weiter gearbeitet.

Außerdem sollen die Verantwortlichen in der Aufsichtsbehörde wegen Untätigkeit (vermutlich war auch Korruption im Spiel) zur Verantwortung gezogen werden.

Auch wir hoffen, dass so zukünftig mehr Abwasser umfassend geklärt wird. Im schlechtesten Fall wird kein Umdenken stattfinden, sondern die Färbereien ziehen einfach an einen anderen Flussabschnitt in einem anderen Bezirk. Zumindest ist das eine Sorge von regionalen Umweltschutzgruppen bzw. Bauernvertretern.

Unsere Produktion ist davon nicht betroffen, da wir nur mit Firmen zusammenarbeiten, die Umweltstandards einhalten und unter anderem die Abwässer klären und aufbereiten.

Weitere Informationen, sozusagen aus erster Hand, gibt es bei der Times of India.