Anspruch und Wirklichkeit bei Transparenz und Fairness. Vergleich von Fairtrade und FairWear.

Fairer Handel hat viele Facetten und es gibt nur wenige Produkte, bei denen so viele Teilaspekte zu berücksichtigen sind, wie bei Baumwolle und den daraus produzierten Artikeln. Der Grund für die Vielschichtigkeit ist einfach: anders als bei Kaffee gibt es bei der Baumwolle eine Vielzahl von Wertschöpfungsstufen: von der Rohbaumwolle, über das Entkörnen und Spinnen bis hin zu Färben und Konfektion sind eine Vielzahl von Menschen eingebunden.

Die Fairtrade-Verfechter

Verschiedene NGO (Nichtregierungsorganisationen) haben sich zum Ziel gesetzt, die Produktion von Textilien fairer zu gestalten. Stichwörter sind hier Mindestpreise (Fairtrade Labeling Organisations FLO) und Living wage (Kampagne für saubere Kleidung/CleanClothesCampaign CCC). Leider setzen die genannten Organisationen an verschiedenen Punkten an, ohne die gesamte Kette zu betrachten.

Siegel

Fairtrade Deutschland (genauer: Transfair e.V.) betrachtet, wie bei anderen mit dem Siegel ausgezeichneten Produkten (Schokolade, Kaffee, Orangensaft, Rosen), den Rohstoff. In unserem Fall also die Baumwolle. Über Mindestpreise für die Baumwollbauern und einem Aufpreis der an die Bauernkooperativen für gemeinnützige Projekte gezahlt wird, soll dem Bauern ein für das Auskommen der Familie ausreichendes Einkommen ausgezahlt werden. Die weiteren Verarbeitungsschritte unterliegen sozialen Mindestkriterien (ILO Kernarbeitsnormen) und sollen sicherstellen, dass beim fertigen Shirt ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit in allen Produktionsstufen gewährleistet ist. Zu den ILO-Kriterien gehören u.a. das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, ebenso wie das Recht der Arbeitnehmer sich zu organisieren und die Löhne auszuhandeln.

Die am Produktionsprozess beteiligten Akteure (Bauern, Kooperativen, Händler, Färbereien, Nähereien etc.) werden von unabhängigen Prüfern (FLO-Cert) geprüft. Aus diesem Grund darf bei dem Fairtrade-Logo auch von einem Siegel gesprochen werden, da die Unabhängigkeit zu den Unternehmen/Produzenten/Labels gewährleistet ist. Dennoch verbietet es sich von einen Fairtrade-Shirt zu sprechen- korrekt bezeichnet wird es als ein Shirt aus zertifizierter Fairtrade-Baumwolle. Dies soll sicherstellen, dass der Kunde erkennen kann, wo der Schwerpunkt des Fairtrade-Gedankens liegt. Wertmäßig macht die Baumwolle ca. 80% der Kosten eines Shirts aus. Ebenso ist die Mehrzahl der am Entstehungsprozess eines Shirts Beschäftigten in der Landwirtschaft zu finden.

Kein Siegel

Eine weitere Initiative im Textilbereich ist die FairWearFoundation (FWF), welche sich als  Multistakeholder-Initiative begreift (verschiedene Interessengruppen wie Distributoren, NGO, etc. sind Teil der Initiative). Ziel der Initiative ist es, den in den Nähereien beschäftigten Menschen ein auskömmliches – faires-  Einkommen zu  ermöglichen und insgesamt für menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu sorgen. Grundlage sind auch hier die ILO-Kernarbeitsnormen.

Dabei gilt zu beachten, dass die FWF nur den für den Konsumenten offensichtlichsten Produktionsschritt betrachtet – das Nähen. FWF prüft selbst keine Nähereien, sondern setzt auf einen Dialogprozess zwischen Importeur/Distributor, den Nähereien und lokalen NGO. Dabei wird besonderen Wert darauf gelegt, dass die Näherinnen sich an unabhängige Beschwerdestellen wenden können. Die FairWearFoundation hat aber keine Sanktionsmöglichkeiten, wenn Nähereien ihre Mitarbeiter nicht über Beschwerdestellen informieren und/oder die FWF-Mitglieder dies nicht bei ihren Nähereien durchsetzen. FWF verwendet eine sogenannte WageLadder um ihren Mitgliedern einen Weg zu faireren Löhnen aufzuzeigen; sie setzt aber keine verbindlichen Mindestlöhne für ihre Mitglieder fest. Mit Einhaltung allgemeiner gesetzlicher Normen (die ILO-Kernarbeitsnormen sind in den meisten Ländern in lokalen Gesetzen berücksichtigt), kann grundsätzlich den Anforderungen von FWF genüge getan werden. Allerdings wäre die Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften in vielen Produktionsländern (v.a. Bangladesh) ein gewaltiger Fortschritt, so dass die Forderung nach Einhaltung ebenjener durchaus berechtigt ist.

Als problematisch anzusehen ist jedoch die Nutzung des „FairWear“-Logos in Textilien. Denn anteilsmäßig macht das Nähen höchstens 20% der gesamten Kosten aus. Das Logo suggeriert dem Konsumenten ein faires Shirt, was eine Mitgliedschaft in der FairWearFoundation aber nicht garantiert. In der Praxis kann ein Shirt zwar von Nähern gefertigt werden, die „faire“ Löhne erhalten, aber die Baumwolle von ausgebeuteten Bauern kommt.
Betrachtet man allein die Nähereien ist gegenüber dem Kunden auch nicht transparent, ob ein FWF-Mitglied nun höhere Löhne als branchenüblich bezahlt, den AsiaFloorWage entrichtet oder sonst in einer Weise für einen Ausgleich zwischen Näherei und Beschäftigten sorgt. Angaben über konkrete Lohnverbesserungen finden sich auch nicht in den auf der FWF-Seite einsehbaren Reports der Unternehmen. Dort wird lediglich allgemein über Fortschritte und Verbesserungsmöglichkeiten berichtet.

Netzwerke und Verflechtungen

Das Anliegen von fairen Löhnen und menschenwürdigen Bedingungen in Nähereien wird in Deutschland von der Kampagne für saubere Kleidung (CleanClothesCampaign) vertreten. Die CleanClothesCampaign (CCC) wiederum ist im Board der FairWearFoundation vertreten. Die Kampagne für Saubere Kleidung wird von einer Vielzahl engagierter (christlicher) Verbände und Gewerkschaften getragen. Ein Träger von CCC ist in Deutschland die Christliche Initiative Romero (CIR), die ihrerseits über Grüne Mode informiert.

Einige der CCC-Trägerorganisationen sind auch Mitglied von Fairtrade-Deutschland. Unter anderem die CIR. Fairtrade Deutschland (bzw. TransFair e.V. wie der Verein noch immer heisst) sind wiederum Teil der Fair Trade Labeling Organisation FLO, deren Zertifizierungs-Firma FLO-Cert heisst. Fairtrade Deutschland kann man als Marketing-Instrument ansehen, das den fairen Handel fördern soll. Es ist keine Organisation, die Firmen wegen Nichtnutzung von Fairtrade-Produkten anprangert oder investigativ tätig ist.

Zusammenfassung

Im Idealfall ist ein Unternehmen/Importeur/Label Mitglied der Fair Wear Foundation und verarbeitet für seine Produkte ausschliesslich zertifizierte Fairtrade-Biobaumwolle. Darüber hinaus sollte die Firma transparent machen, welche Verbesserungen (bspw. höhere Löhne als Branchendurchschnitt) in ihrer Bekleidung stecken. Nur so wird deutlich, dass etwas passiert. Der erste Schritt, Mitglied in beiden Initiativen zu sein und bei Baumwolle ausschliesslich auf zertifizierte Fairtrade-Biobaumwolle zu setzen, hat laut Übersicht der CIR bisher noch kein in Deutschland aktives Unternehmen vollzogen.

Persönliches Fazit

Schlussendlich halte ich das Fairtrade-Siegel für einen guten, ersten Schritt, der allerdings viele Aspekte in den nachgelagerten Produktionsstufen außer Acht lässt.

Der Ansatz der FWF, verschiedene Interessengruppen an einen Tisch zu bringen ist hinsichtlich eines Dialogs und Austausches zu begrüßen. Allerdings scheint es keine Sanktionsmechanismen für Mitglieder des FWF zu geben. Ebenso fehlen klare Schritte hin zu einem FairWage (bspw. Innerhalb von 3 Jahren soll die oberste Stufe der wageladder erreicht sein o.ä.). Dass von FWF nur der kleinste Teil der Wertschöpfungskette eines Shirts betrachtet wird, sehe ich ebenfalls als schwierig an. Besorgnis löst bei mir aus, dass das Logo von FWF von den Mitgliedern immer öfter aktiv als vermeintliches Siegel eingesetzt wird. Hier wird meines Erachtens etwas suggeriert (faire Kleidung), das einer Prüfung nicht standhalten würde.

CIR gibt einen guten ersten Überblick über Grüne Mode bzw. deren Anbieter und hilft sicher bei der Orientierung in einem unübersichtlichen Marktumfeld. Allerdings liegt meines Erachtens nach der Fokus von CIR auf der Mitgliedschaft der Labels bei der FairWearFoundation. Während bei der Diskussion über das Fairtrade-Siegel der Fokus auf den Rohstoff korrekt als Defizit dargestellt wird, unterbleibt bei FWF eine kritische Auseinandersetzung über den ausschliesslichen Blick auf die Nähereien (der Kommentar liest sich zuerst so, als dass die gesamte Produktionskette berücksichtigt wird. Ganz zum Schluss des Satzes steht dann „…der Konfektionierung“). In der Konsequenz lesen sich für mich die Anbieterbewertungen so, als dass FWF-Mitglieder nichts falsch machen können, aber alle Nichtmitglieder zu wenig machen.

Was für Konsequenzen ziehen wir aus den jeweiligen Defiziten für  3FREUNDE?

Wir wollen einen stärkeren Einblick (und auch Mitbestimmungsrecht) in den Bereich CMT (Näherei) bekommen. Da wir selber klein sind, benötigen wir auch einen kleinen Partner. Dem helfen wir zur Zeit bei der Gründung. Zugleich wollen wir von der Expertise der FWF im Bereich CMT und Beschwerdemanagement von Mitarbeitern im CMT-Bereich profitieren und schauen, ob es eine Möglichkeit für uns gibt, Mitglied zu werden. Darüber hinaus wollen wir insgesamt noch mehr Informationen sammeln und publizieren- welche Schritte also so ein Shirt macht, bis es dann schlussendlich bei uns ist. Und wir wollen andere Labels einladen, mit uns eine transparente und offene Produktionskette zu nutzen. Denn auch viele kleine Anbieter können zusammen Wandel bewirken!

Stefan

Weiterführender Link

Eine interessante Marktübersicht (allerdings von 2010) bietet auch Südwind.
Wie die FairWearFoundation Übereinstimmungen und Unterschiede zu Fair Trade sieht, findet sich hier.
Netzwerk Fairemode stellt acht Fragen, die jedes Unternehmen beantworten sollte.

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